28.05.2018 / Artikel / /

Interview mit Kantonsratspräsidentin Yvonne Bürgin

Am 7. Mai wurde Yvonne Bürgin zur höchsten Zürcherin gewählt. Anschliessend wurde sie von ihrer Gemeinde Rüti festlich empfangen. Neben zahlreichen Gratulationsreden konnte unsere Kantonsratspräsidentin auch beweisen, wie viel Lasten sie auf ihren Schultern tragen kann: Sie balancierte darauf ein Mitglied des Akrobatenduos Handundstand.

Liebe Yvonne, am 7. Mai wurdest Du zur höchsten Zürcherin gewählt und in Deiner Gemeinde Rüti festlich empfangen. Wie war dieser Tag für Dich?

Am Vorabend war ich ziemlich nervös und machte mir Gedanken darüber, was alles schief laufen könnte. Doch der Montag hat perfekt begonnen mit der Messe in der Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde. Alle anerkannten Religionsgemeinschaften sind jeweils an der Eröffnungsmesse beteiligt und gestalten zusammen den Gottesdienst. Die Synagoge habe ich gewählt, weil Sie mich angefragt hatten. Seit 12 Jahren ist die ICZ öffentlich-rechtlich anerkannt und ist seit damals nie mehr berücksichtigt worden. Ich wollte damit auch die Wichtigkeit der Verbundenheit der Religionen sowie das Miteinander unterstreichen und unterstützen. Mit der religiösen Feier gelang der perfekte Auftakt in einen unvergesslichen Tag. Es fühlte sich an wie bei einer Hochzeit. Ich durfte einen Tag lang die volle Aufmerksamkeit geniessen und es war schön, sich getragen zu fühlen durch all die positive Energie welche mir die Leute entgegenbrachten.

Am Montag 14. Mai hast Du Deine erste ganze Sitzung geleitet. Was für Herausforderungen sind auf Dich zugekommen?

An meiner ersten Sitzung standen zwei relativ einfach zu behandelnde Geschäftsberichte auf der Traktandenliste. Daneben aber auch bereits meine erste Vereidigung von zwei neuen Mitgliedern des Kantonsrates sowie ein Nachruf. Aber dank guter Vorbereitung lief alles reibungslos.

In seiner Rede hat Dir Fraktionspräsident Philipp Kutter Zuckerbrot und Peitsche überreicht, damit Du den Kantonsrat zähmen kannst. Welche Methode entspricht Dir mehr?

Meine Erwartungen an das Parlament sind relativ hoch. Da ich aber auch an mich selber hohe Ansprüche stelle und bereit bin, mit Disziplin und Pflichtbewusstsein voran zu gehen, hoffe ich, dass sich der Kantonsrat daran orientieren wird. Als Führungsperson ist er mir wichtig, Selbstvertrauen und Energie auszustrahlen, planvoll und strukturiert zu arbeiten, offen zu kommunizieren und natürlich Werte wie Anstand und Respekt nicht nur zu predigen, sondern auch vorzuleben. Wenn es mir gelingt, meine Vorbildrolle authentisch zu erfüllen, wird dies erfolgsversprechender sein als „Belohnung und Strafe“.

Was sind Deine Ziele in diesem Jahr?

Wie in meiner Antrittsrede erwähnt ist mein „Credo“ für’s Amtsjahr: Ausdauer – Anstand – Ausstrahlung

Mit diesen drei Leitwörtern umschreibe ich kurz und prägnant meine Ziele. Nächstes Jahr sind Wahlen, da nimmt erfahrungsgemäss der Populismus zu, die Disziplin ab und die Traktandenliste wächst weiter an. Dem möchte ich vorbeugen, indem ich die volle Sitzungszeit ausnutzen möchte, was natürlich Ausdauer verlangt. Ebenso ist mir Anstand wichtig, damit die Sachpolitik im Vordergrund steht und nicht die Aufmerksamkeit in den Medien durch unangebrachtes Verhalten. Ich hoffe, es gelingt mir, die wichtigsten Geschäfte abschliessen zu können und die Traktandenliste zu entschlacken.

Neben der Ratsführung gehört natürlich das Repräsentieren zu meinen neuen Aufgaben. Ich möchte eine positive Ausstrahlung vermitteln von einem Parlament, dass konstruktiv politisiert. Als schönste und eindrucksvollste Aufgabe darf ich jedoch ein Jahr lang den grandiosen Kanton Zürich nach aussen vertreten. Auf diese ehrenvolle Aufgabe freue ich mich sehr.

Die Frage der Frauenförderung in der Politik und besonders auch in der CVP war in letzter Zeit ein heissdiskutiertes Thema in den Medien. Wie stehst Du dazu? Kommen auf Frauen ungleich mehr Herausforderungen und Hindernisse zu als auf Männer?

Tatsächlich scheint mir, dass an Frauen höhere Ansprüche gestellt werden als an Männer. Einerseits steht man als Mutter stärker in der Kritik als Väter. Die Frage, ob man denn nun noch Zeit für die Kinder hat, wird jeder Frau gestellt, aber äusserst selten einem Mann. Dabei sind Väter genauso in der Verantwortung wie Mütter. Zweitens trauen sich Männer generell mehr zu, während wir Frauen sensibler sind, öfter an uns zweifeln und eher einen Hang zum Perfektionismus haben. Daran müssen wir Frauen noch arbeiten und uns manchmal Folgendes beherzigen: „Gut ist gut genug“. Und drittens muss sich eine Frau in einer Führungsposition die nötige Autorität härter erarbeiten, während bei Männern diese Eigenschaft fast automatisch zugeordnet wird.

Wie wirst Du die CVP in diesem Jahr repräsentieren?

Politisch muss ich mich ja möglichst neutral verhalten als Präsidentin. Während dieses Jahres wird man von mir also kaum die lauten politischen Töne hören, sondern vielmehr die leisen Töne, welche genau so wichtig sind. Und zwar möchte ich die Werte und das Verbindende der CVP betonen, wie es im neuen Leitbild steht. Bei all den vielen Repräsentationsanlässen wird es mir hoffentlich gelingen, als Sympathieträgerin der CVP einen wertvollen Beitrag für die Partei leisten zu können.

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